DENKANSTÖSSE / 02 · Wahrnehmung · Handwerk
Wir sehen, was wir kennen.
Erfahrung öffnet den Blick für Unterschiede und legt vertraute Deutungen nahe.
Zwei Menschen betrachten dasselbe Stück Holz. Eine Person sieht eine braune Oberfläche, die andere erkennt Faserverlauf, Bearbeitungsspuren und mögliche Schwierigkeiten beim Hobeln. Dieses gedachte Beispiel zeigt, was Erfahrung leisten kann: Sie gibt Unterschieden Namen. Wer etwas benennen kann, hat einen Ansatzpunkt, genauer hinzusehen und sich mit anderen darüber zu verständigen.
Doch vertraute Begriffe bringen Erwartungen mit. Sobald ein Gegenstand als Behälter gilt, treten andere Verwendungsmöglichkeiten womöglich in den Hintergrund. In der Forschung zum Problemlösen wird eine solche Bindung an bekannte Funktionen als funktionale Fixierung untersucht. German und Defeyter zeigten in einer Aufgabe mit Kindern, dass eine zuvor demonstrierte Behälterfunktion die spätere Verwendung einer Schachtel als Stütze je nach Altersgruppe erschweren konnte. Daraus folgt keine allgemeine Überlegenheit unerfahrener Menschen.
Für die Gestaltung entsteht eine produktive Spannung: Fachwissen erschließt Möglichkeiten und kann zugleich eine erste Lesart stabilisieren. Ein interessanter Versuch wäre, ein vertrautes Objekt zunächst ohne seinen Namen zu beschreiben. Es hat Kanten, Hohlräume, ein bestimmtes Gewicht und eine Oberfläche. Welche Handlungen erlaubt es? Welche erst, wenn wir es drehen? Die Erfahrung bleibt verfügbar, während ihre gewohnte Ordnung für einen Moment ausgesetzt wird.
Zum Weiterdenken
Welchen vertrauten Gegenstand würdest du anders verstehen, wenn du seinen Namen nicht kennen würdest?